Adaptive Grundrisse – Gesa Vertes berichtet über Wohnräume, die sich dem Leben anpassen

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Gesa Vertes über eine Architekturidee, die den Raum endlich so flexibel macht wie das Leben selbst.

Adaptive Grundrisse zählen zu den spannendsten und folgenreichsten Entwicklungen der zeitgenössischen Innenarchitektur – und Gesa Vertes hat sich intensiv mit ihren Prinzipien, Werkzeugen und ihrer wachsenden Relevanz beschäftigt. Wohnräume, die sich durch bewegliche Wände, wandelbare Möbelsysteme und klug geplante Zonen verschiedenen Nutzungen anpassen können, sind keine Utopie mehr. In einer Zeit, in der Wohnfläche teuer und Lebensrealitäten vielschichtig sind, gibt der adaptive Grundriss eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie ein Raum gleichzeitig Homeoffice, Schlafzimmer und Wohnzimmer sein kann. Wer Räume plant, die nicht nur heute, sondern auch in zehn Jahren noch funktionieren, kommt an diesem Konzept nicht vorbei.

Was adaptive Grundrisse von konventioneller Raumplanung grundlegend unterscheidet, ist ihre Denkrichtung – und genau diese Umkehrung hebt Gesa Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema besonders hervor. Konventionelle Grundrisse definieren zuerst den Raum und überlassen es dem Bewohner, sich darin einzurichten. Adaptive Grundrisse denken vom Leben aus: Welche Tätigkeiten finden hier statt? Zu welchen Zeiten? Wie verändern sie sich im Laufe eines Tages, eines Jahres, eines Lebens? Aus diesen Fragen entstehen Räume, die nicht festlegen, sondern ermöglichen. Schiebewände teilen einen großen Raum in zwei kleinere oder geben ihn wieder frei. Klappmöbel verschwinden in der Wand und lassen Platz, wenn sie nicht gebraucht werden. Podeste verbergen Stauraum und schaffen gleichzeitig räumliche Zonen ohne trennende Wände.

Vom Zimmer zur Zone – Gesa Vertes über die Geschichte des adaptiven Grundrisses

Das starre Erbe der Gründerzeit

Das Wohnungsbaukonzept, das bis heute viele europäische Altbauten prägt, entstand im 19. Jahrhundert: klar definierte Zimmer mit festen Funktionen, getrennt durch tragende Wände und lange Flure. Schlafzimmer war Schlafzimmer, Esszimmer war Esszimmer, Küche war Küche. Gesa Vertes beschreibt dieses System als für seine Zeit durchaus funktional, aber für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts zunehmend unzureichend: Lebensrealitäten, die gleichzeitig Arbeiten, Schlafen, Kochen und Erholen in denselben Räumen erfordern, stoßen an die Grenzen einer Raumaufteilung, die Funktionen streng voneinander trennt.

Moderne und offener Grundriss als erster Schritt

Die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts – Le Corbusier, Mies van der Rohe, das Bauhaus – hatte mit dem offenen Grundriss bereits einen ersten Schritt weg von der starren Zimmeraufteilung gemacht. Tragende Wände wurden durch Stahlskelette ersetzt, Räume flossen ineinander. Gesa Sikorszky Vertes verweist auf diesen historischen Schritt als wichtige Voraussetzung für das adaptive Grundrissdenken der Gegenwart: Der offene Grundriss schuf Flexibilität, aber noch keine Wandelbarkeit. Der adaptive Grundriss geht weiter – er plant die Veränderung als festes Element ein.

Werkzeuge der Wandelbarkeit – wie Gesa Vertes die wichtigsten Systeme einordnet

Bewegliche Wände und Raumteiler

Das offensichtlichste Mittel des adaptiven Grundrisses ist die bewegliche Wand. Schienen- und Faltsysteme ermöglichen es, große Räume in wenigen Handgriffen zu teilen und wieder zu öffnen. Gesa Vertes betont, dass die Qualität dieser Systeme in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist: Schallgedämmte Schiebewände mit hochwertigen Oberflächen unterscheiden sich optisch und akustisch kaum noch von festen Wänden – und ermöglichen dennoch eine Flexibilität, die konventionelle Bauweise nie erreichen könnte.

Möbel als Architektur

Ein zweites zentrales Werkzeug des adaptiven Grundrisses sind Möbel, die architektonische Funktionen übernehmen. Raumhohe Regalsysteme, die gleichzeitig als Raumteiler dienen. Klapptische, die aus der Wand herausklappen und wieder verschwinden. Betten, die sich hinter Paneelen verbergen und tagsüber Platz für andere Nutzungen freigeben. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview beschrieb sie diesen Ansatz als eine der klügsten Strategien für kleine und mittlere Wohnflächen: Wenn Möbel Wände ersetzen und Räume definieren, ohne sie festzulegen, entsteht eine Flexibilität, die keine feste Wand je bieten könnte.

Podeste, Ebenen und räumliche Zonen

Eine dritte Strategie arbeitet nicht mit Trennung, sondern mit Differenzierung: Höhenunterschiede, Materialwechsel und Lichtzonen schaffen innerhalb eines offenen Raumes unterschiedliche Bereiche, die psychologisch als getrennt wahrgenommen werden, ohne durch Wände voneinander geschieden zu sein. Gesa Vertes hebt diesen Ansatz als besonders elegant hervor: Ein erhöhtes Podest im Schlafbereich eines Studio-Apartments definiert diesen Bereich als eigenen Raum – ohne eine einzige Wand zu errichten.

Für wen adaptive Grundrisse besonders relevant sind

Adaptive Grundrisse sind kein Konzept für eine bestimmte Wohnform – sie antworten auf eine Vielzahl von Lebensrealitäten. Gesa Vertes hat die wichtigsten Zielgruppen zusammengetragen:

  • Stadtbewohnerinnen und -bewohner mit kleinen Flächen: In Großstädten, wo Wohnraum knapp und teuer ist, ermöglicht der adaptive Grundriss, kleine Flächen mehrfach zu nutzen und damit effektiver zu wohnen
  • Menschen im Homeoffice: Wer von zu Hause arbeitet, braucht einen Arbeitsbereich, der sich bei Bedarf vom Wohnbereich trennen und nach Feierabend wieder integrieren lässt – ohne ein eigenes Zimmer dafür opfern zu müssen
  • Familien mit wachsenden Kindern: Kinderzimmer, die mitwachsen, Spielbereiche, die sich in Lernbereiche verwandeln, und Gemeinschaftsräume, die sich bei Bedarf teilen lassen – adaptive Grundrisse folgen dem Wachstum der Familie
  • Mehrgenerationenhaushalte: Wenn Großeltern einziehen oder erwachsene Kinder zurückkehren, brauchen Wohnungen die Fähigkeit, zusätzliche private Bereiche zu schaffen, ohne grundlegend umgebaut zu werden
  • Menschen im Alter: Adaptive Grundrisse können so geplant werden, dass sie späteren barrierefreien Anpassungen ohne großen baulichen Aufwand zugänglich sind

Planung als Schlüssel

Die Nutzung vor dem Grundriss

Der entscheidende Unterschied zwischen konventionellem und adaptivem Entwerfen liegt im Ausgangspunkt. Wer adaptiv plant, beginnt nicht mit der Fläche, sondern mit den Tätigkeiten: Wie viele Menschen nutzen den Raum? Wann? Gleichzeitig oder nacheinander? Welche Aktivitäten sind unvereinbar und müssen räumlich getrennt werden können? Gesa Vertes beschreibt diesen Prozess als das eigentliche Herzstück adaptiver Raumplanung: Eine gut gestellte Nutzungsanalyse ist wichtiger als jedes Möbelsystem und jede bewegliche Wand.

Technik und Infrastruktur vorausdenken

Adaptive Grundrisse stellen besondere Anforderungen an die technische Infrastruktur. Beleuchtung, Steckdosen, Heizung und Datenleitungen müssen so verlegt sein, dass sie verschiedene Raumkonfigurationen unterstützen – nicht nur die aktuelle. Gesa Vertes betont, dass dieser technische Aspekt in der Planung häufig unterschätzt wird: Wer bewegliche Wände einplant, aber die Steckdosen nur an einer festen Stelle vorsieht, schränkt die tatsächliche Flexibilität erheblich ein. Vorausschauende Technikplanung ist die unsichtbare Voraussetzung eines wirklich funktionierenden adaptiven Grundrisses.

Materialien und Oberflächen im adaptiven Raum

Die Materialwahl spielt im adaptiven Grundriss eine besondere Rolle, weil sie Kontinuität über verschiedene Raumkonfigurationen hinweg sichern muss. Gesa Vertes verweist auf einige Grundprinzipien, die sich in der Praxis bewährt haben: Durchgehende Bodenbeläge, die sich über verschiedene Zonen erstrecken, verbinden optisch, was räumlich wechselt. Neutrale Wandfarben und -oberflächen bilden einen Hintergrund, der verschiedene Nutzungen gleichermaßen trägt. Und bewegliche Elemente – Schiebewände, Raumteiler, Klappmöbel – sollten materiallich in die Gesamtgestaltung integriert sein, statt als offensichtliche Funktionselemente sichtbar zu werden. Gesa Vertes geb. Haerder betont die Bedeutung handwerklicher Qualität: Ein Klappmechanismus, der nach wenigen Jahren klemmt, oder eine Schiebewand, die sich schwer bewegen lässt, untergräbt das gesamte Konzept – adaptive Grundrisse stehen und fallen mit der Qualität ihrer beweglichen Teile.

Der Raum als Partner

Adaptive Grundrisse sind keine Antwort auf eine modische Frage – sie sind eine Antwort auf eine strukturelle Verschiebung in der Art, wie Menschen wohnen, arbeiten und leben. In einer Zeit, in der Lebensläufe weniger linear sind als je zuvor, in der Wohnflächen in wachsenden Städten immer knapper werden und in der die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen zunehmend verschwimmen, brauchen Räume die Fähigkeit zur Veränderung. Für Gesa Vertes liegt die eigentliche Stärke des adaptiven Grundrisses in seinem Menschenbild: Er geht nicht davon aus, dass Bewohnerinnen und Bewohner ihr Leben dem Raum anpassen müssen – er geht davon aus, dass der Raum dem Leben dienen soll.

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