Feng Shui modern gedacht: Gesa Vertes erklärt alte Prinzipien im zeitgenössischen Interieur

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Gesa Vertes darüber, was eine jahrtausendealte Lehre der modernen Wohnarchitektur noch beibringen kann.

Feng Shui hat in der westlichen Welt einen schwierigen Ruf und Gesa Vertes räumt mit den gängigsten Missverständnissen auf. Zwischen Esoterik-Regalen und Wellnesshotels wurde die jahrtausendealte chinesische Raumgestaltungslehre oft auf Bambusstäbe und Glückskatzen reduziert, die mit ihren eigentlichen Prinzipien wenig zu tun haben. In seiner ursprünglichen Form ist Feng Shui eine differenzierte Theorie darüber, wie räumliche Gegebenheiten das Wohlbefinden von Menschen beeinflussen.

Feng Shui fragt nicht zuerst, wie ein Raum aussehen soll, sondern wie er sich anfühlen und welche Lebensbereiche er unterstützen soll. Gesa Vertes hat sich dieser Frage angenommen und zeigt, warum die Lehre weit mehr ist als ein kulturelles Kuriosum. Schlaf, Arbeit, Beziehungen, Gesundheit: Jeder Bereich eines Hauses steht in Verbindung mit einem Lebensfeld, und die Gestaltung dieses Bereichs kann dieses Feld fördern oder hemmen. Diese Denkweise ist, von kulturellen Spezifika befreit, erstaunlich kompatibel mit dem, was moderne Umweltpsychologie und Neurowissenschaft über die Wirkung von Räumen auf Menschen wissen. Wer die Kernprinzipien versteht, muss nicht an Energieflüsse glauben, um von ihnen zu profitieren. Räume, die Bewegung ermöglichen, Licht zulassen, Unordnung reduzieren und den Menschen in den Mittelpunkt stellen, folgen Grundsätzen, die in der chinesischen Raumgestaltungslehre seit Jahrhunderten systematisiert sind – und die bis heute funktionieren.

Ursprung und Missverständnis – eine kurze Geschichte der Lehre

Jahrtausende vor dem Bambusstab

Feng Shui entstand in China vor mehr als dreitausend Jahren als Methode, Gebäude, Gräber und Siedlungen in Einklang mit natürlichen Gegebenheiten zu platzieren. Wind und Wasser, die dem Begriff seinen Namen geben, waren ursprünglich Chiffren für Klimabedingungen, Topografie und die Ausrichtung von Strukturen gegenüber Sonne und Windrichtung. Gesa Vertes betont, dass diese pragmatische Dimension der Lehre in westlichen Adaptionen häufig vollständig verloren geht: Was als Beobachtungssystem für Standort und Ausrichtung begann, wurde in seiner westlichen Rezeption oft zu einem dekorativen Regelwerk ohne inneren Zusammenhang.

Zwischen Tradition und Trendbegriff

In den 1990er-Jahren erlebte Feng Shui im deutschsprachigen Raum einen Hype, der die Lehre gleichzeitig populär und diskreditiert machte. Ratgeber mit Empfehlungen für Kristalle, Windspiele und günstige Farben für bestimmte Himmelsrichtungen überschwemmten den Markt. Gesa von Vertes beschreibt diese Phase als produktives Missverständnis: Sie brachte viele Menschen erstmals in Berührung mit der Idee, dass Räume auf Bewohner wirken, auch wenn die vermittelten Inhalte mit klassischem Feng Shui oft wenig gemein hatten.

Chi, Bagua und Kommandoposition – Gesa Vertes erklärt die Grundbegriffe

Chi und Raumfluss

Das Konzept des Chi, der Lebensenergie, die durch Räume fließt, lässt sich ohne metaphysische Überzeugung in eine konkrete Gestaltungsfrage übersetzen: Kann man sich in einem Raum frei bewegen? Gibt es Engpässe, Sackgassen und Hindernisse, die den Fluss des Alltags stören? Gesa Vertes verweist auf die praktische Dimension dieses Prinzips: Ein Flur, der mit Möbeln verstellt ist, ein Wohnzimmer, durch das man sich zwischen Couch und Couchtisch hindurchzwängen muss, und eine Küche, in der zwei Personen nicht gleichzeitig arbeiten können, erzeugen nachweislich Stress. Das Chi fließt nicht: nicht metaphysisch, sondern ganz buchstäblich.

Das Bagua als Raumdiagnose

Das Bagua, das achteckige Orientierungssystem des Feng Shui, teilt einen Grundriss in neun Lebensbereiche: Karriere, Wissen, Familie, Reichtum, Ruhm, Beziehungen, Kreativität, Helfer und Mitte. Jedem dieser Bereiche wird ein Raumbereich zugeordnet. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview beschrieb sie das Bagua als nützliches Diagnosewerkzeug, auch für Menschen, die den metaphysischen Anspruch nicht teilen: Es zwingt dazu, jeden Bereich einer Wohnung bewusst wahrzunehmen und zu fragen, was dort geschieht und ob es das ist, was geschehen soll.

Feng Shui in der Praxis – konkrete Anwendungen im zeitgenössischen Wohnraum

Schlafzimmer: Schutz und Ruhe

Das Schlafzimmer ist im Feng Shui der sensibelste Bereich eines Hauses. Die wichtigste Empfehlung ist die sogenannte Kommandoposition des Bettes: Der Schlafende soll die Tür im Blick haben, ohne ihr direkt gegenüberzuliegen. Gesa Vertes verweist auf die neuropsychologische Grundlage dieser Empfehlung: Menschen schlafen tiefer, wenn ihr Nervensystem nicht unbewusst auf mögliche Bedrohungen aus einem nicht einsehbaren Bereich reagieren muss. Rücken zur Wand, Blick auf den Eingang: Das ist kein Aberglaube, sondern evolutionär begründetes Sicherheitsgefühl.

Eingang: erste Wirkung und Orientierung

Der Eingangsbereich gilt im Feng Shui als Mund des Hauses. Was hier empfangen wird, prägt die gesamte Wahrnehmung des Raumes. Gesa Sikorszky Vertes beschreibt dieses Prinzip als eines der leichtesten zu übersetzenden: Ein Eingang, der aufgeräumt, hell und einladend ist, verändert die Stimmung beim Betreten eines Hauses messbar. Schuhhaufen, überfüllte Garderobenhaken und schlechte Beleuchtung signalisieren dem Gehirn Überforderung, noch bevor der erste Schritt ins Wohnzimmer getan ist.

Fünf Elemente als Gestaltungssystem

Das Fünf-Elemente-System des Feng Shui ordnet Materialien, Farben und Formen den Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zu und beschreibt ihre gegenseitige Wechselwirkung. Als Gestaltungssystem bietet es einen strukturierten Rahmen für Materialentscheidungen, der über reine Ästhetik hinausgeht. Gesa Vertes hat die wesentlichen Entsprechungen für die zeitgenössische Anwendung zusammengetragen:

  • Holz steht für Wachstum und Vitalität: Pflanzen, Holzmöbel, grüne Farbtöne und vertikale Formen aktivieren dieses Element
  • Feuer steht für Energie und Sichtbarkeit: Warmes Licht, Kerzen, rote und orange Farbtöne sowie dreieckige Formen verstärken die Feuerenergie
  • Erde steht für Stabilität und Geborgenheit: Natürliche Materialien wie Stein, Keramik und Ton sowie erdige Farbtöne schaffen Verwurzelung
  • Metall steht für Klarheit und Präzision: Runde Formen, weiße und graue Farbtöne sowie Metalloberflächen fördern dieses Element
  • Wasser steht für Tiefe und Flexibilität: Spiegel, Glasflächen, dunkle Farbtöne und geschwungene Formen repräsentieren das Wasserelement

Licht, Ordnung und Natur als universelle Grundsätze

Tageslicht als Lebensqualität

Feng Shui legt großen Wert auf natürliches Licht als Grundvoraussetzung für Wohlbefinden. Verdunkelte Räume gelten als Orte, an denen Chi stagniert. Gesa Vertes verweist darauf, dass diese Empfehlung mit den Erkenntnissen der modernen Chronobiologie vollständig übereinstimmt: Tageslicht reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus, beeinflusst die Stimmung und fördert die kognitive Leistungsfähigkeit auf nachweisliche Weise.

Ordnung als Raumsprache

Die Forderung des Feng Shui nach Ordnung ist eine seiner am leichtesten nachzuvollziehenden Empfehlungen. Unordnung lenkt ab, erzeugt unbewussten Stress und signalisiert dem Gehirn unerledigte Aufgaben. Gesa Vertes geb. Haerder betont, dass Feng Shui dabei nicht Perfektion fordert, sondern Bewusstsein: Wer weiß, wo die Dinge sind, und wer Bereiche schafft, in denen Gegenstände ihren festen Platz haben, gibt dem Gehirn die Erlaubnis, zur Ruhe zu kommen.

Zwischen Jahrtausenden und Gegenwart

Feng Shui ist keine Designmethode, die man vollständig übernimmt oder vollständig ablehnt. Es ist ein Repertoire an Beobachtungen über Räume und Menschen, aus dem man schöpfen kann, selektiv und mit eigenem Urteil. Wer die Kommandoposition des Bettes umsetzt, ohne an Chi zu glauben, schläft dennoch besser, berichtet Gesa Vertes. Wer den Eingang aufräumt, ohne das Bagua zu kennen, kommt dennoch entspannter nach Hause. Und wer natürliche Materialien, ausreichend Licht und freie Bewegungsflächen in seine Raumplanung einbezieht, folgt Prinzipien, die dreitausend Jahre überdauert haben, weil sie funktionieren. Es ist genau diese pragmatische Übersetzbarkeit alter Weisheit in zeitgenössische Gestaltung, die Gesa Vertes an der Auseinandersetzung mit Feng Shui so überzeugend findet.

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